Logo MusicalSpot

Mörderisch gut:
Rezension „Sweeney Todd" in Ettlingen

Heiß und lecker, frisch aus dem Backofen. Pasteten, gefüllt mit Huhn oder Rind. Oder Katze. Oder mit Ingredienzien, die Mrs. Lovett aus gutem Grund vor den Gästen in ihrem Pastetenladen geheim hält. Das Publikum ist jedoch dank der moritatenähnlichen Rückblenden im Mörder-Musical „Sweeney Todd" von Beginn an im Bilde, wird zum Mitwisser und schwankt fortan zwischen Mitleid und Schadenfreude, zwischen Grausen und Gelächter. Bei den Ettlinger Schlossfestspielen entfaltet das Werk von Stephen Sondheim (Musik und Liedtexte) und Hugh Wheeler (Buch) unter Regie von Udo Schürmer seine ganze unheilvolle Faszination und überzeugt mit brillanten Darstellern und perfekter musikalischer Umsetzung.

sweeneytodd05England im 19. Jahrhundert: Der nach außen hin ehrfurchtgebietende Richter Turpin ist in Wahrheit ein übler Bursche.

Er begehrt Benjamin Barkers Frau und nutzt kurzerhand seine Amtsmacht, um den Barbier unschuldig in die Verbannung zu schicken. Dann macht er sich über dessen Frau her. 15 Jahre später kehrt Barker unter dem Namen Sweeney Todd zurück. Seine Frau hält er für tot, seine Tochter Johanna lebt inzwischen als Mündel bei Turpin. So sinnt Sweeney Todd nur auf eines: Rache. Zu seiner Helfershelferin wird Mrs. Lovett, die unter Todds wieder eröffnetem Barbierladen ein Pastetengeschäft betreibt und schnell die perfekte Verwertungsmöglichkeit für die Opfer von Todds Vergeltungsmaßnahmen findet.

 

Die Geschichte beruht auf einem Groschenroman, der Mitte des 19. Jahrhunderts in England erschienen ist. Entsprechend erfahren die handelnden Personen im Stück keine wesentliche charakterliche Entwicklung, sondern werden schablonenhaft gezeichnet. Alle Darsteller der Ettlinger Cast setzen den jeweiligen Typus meisterhaft um.

Fernand Delosch in der Titelrolle glänzt mit hervorragendem Schauspiel und einprägsamer Stimme. Mit fast liebevollen Blicken richtet er als Sweeney Todd bei „Mein Freund" seine ganze Aufmerksamkeit auf die Barbiermesser, sieht sie im Geiste schon „herrlich blutrot" – und bemerkt nicht einmal ansatzweise, dass Mrs. Lovett sich ein gemeinsames Leben mit ihm erträumt. Mit zeitlupenartigen Bewegungen und stechenden Blicken gibt Delosch der Szene eine gespenstische Atmosphäre. Während seine Stimme beim ruhigen, Todds Erinnerungen zeichnenden „Es gibt nur ein London" tiefer und sonor klingt, wird der Klang heller und aggressiver, je näher sein Messer an die Kehlen seiner Opfer rückt. Todds Rachegelüste beschränken sich im Verlauf der Handlung nicht mehr auf Richter Turpin. Sie verselbstständigen sich und richten sich zuerst gegen alle, die seine frühere Identität erkennen und ihn so in Gefahr bringen könnten, und dann allmählich, ohne es wirklich zu beabsichtigen, auch gegen Unbeteiligte. Mit seiner zurückhaltenden, aber zugleich äußerst eindringlichen Art zu spielen, setzt Delosch auch diese Facette der Rolle treffend um.

Todd interessiert nichts – außer seiner Rache. So hört er auch gar nicht zu, als Mrs. Lovett bei „An der See" Zukunftspläne schmiedet, die auf der zweiten Bühnenebene auch gleich durch ein fröhliches Pärchen in gestreiften Badekostümen visualisiert werden. Gudrun Schades Mezzosopran klingt weich und warm, wenn sie versucht, Todd zu gefallen, um durch ihn endlich der Einsamkeit zu entfliehen. Wenn es jedoch gilt, die Geschehnisse in der Fleet Street zu verheimlichen, wird ihr Gesang fetzig-rotzig und ihr Schauspiel offensiv und laut. Gudrun Schade setzt Wortspiele wie „Wo ist denn der Spagetti hin?" – „Ja, der ist hin" und schwarzhumorige Szenen natürlich-locker um und hat mehr als einmal die Lacher auf ihrer Seite.

sweeneytodd04Ganz im Gegensatz zu Turpin, dargestellt von Jon Geoffrey Goldsworthy, der als Richter rechtschaffen und Recht schaffend sein sollte, aber alles andere als dies ist. Perfekt passen Goldsworthys aristokratisch anmutendes Auftreten und seine klangvolle, weit tragende Stimme in diese Rolle, absolut überzeugend gestaltet er sowohl Turpins offizielle Fassade als auch sein marodes Inneres. Erschreckend, wie nebensächlich Turpin nach einem Gerichtstermin feststellt, dass er gar nicht Recht sprechen, sondern verurteilen wollte. Mit feinsten stimmlichen Nuancen lässt Goldsworthy in eigentlich harmlosen Sätzen wie „Wie hübsch du bist in diesem Kleid" dann durchklingen, dass Richter Turpin Johanna längst nicht mehr als Mündel betrachtet, sondern seiner Gier nach ihr kaum noch Herr zu werden vermag. Dabei ist ihm durchaus klar, dass er diesen Gefühlen nicht nachgeben sollte. Goldsworthys klassisch geschulter Bariton in Verbindung mit seinem ausdrucksstarken Spiel macht „Küss mich" zu einer der beeindruckendsten Szenen.

Nikolaj Alexander Brucker gibt den jungen Seemann Anthony Hope, der mit Todd nach London kommt und sich auf den ersten Blick in Johanna verliebt. Dass sie Todds Tochter ist, weiß er nicht. Er ist vom Wunsch beseelt, sie aus dem „Vogelkäfig" zu befreien, in dem Turpin sie von der Welt fernhält. Auch als einem Singvogel der Kopf umgedreht und ihm so unmissverständlich klar gemacht wird, dass „es beim nächstem Mal sein Hals" ist, lässt Anthony sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Brucker spielt den verliebten Jüngling sehr authentisch und hat mit „Johanna" auch den gesanglich schönsten Moment. Diese Ballade ist die eingängigste Melodie des Stücks und wird von Brucker mit wunderbar klarem Tenor und lang gehaltenen Tönen sehr berührend intoniert. Etwas schrill und operettenhaft dagegen klingt Madeleine Haipts Sporan, schauspielerisch aber weiß sie in weißem Spitzenkleid Johannas naive Unschuld gut in Szene zu setzen.

sweeneytodd02Auch alle übrigen Rollen sind erstklassig besetzt. So zeigt sich Sascha Nikolic als Quacksalber Pirelli mit großem komödiantischem Talent und italienischem Dialekt im Stile einer Opera buffa. Thomas Schirano als Büttel Bamford gefällt ebenso wie Denis M. Rudisch als Tobias, Pirellis Gehilfe, der nach dessen vorzeitigem Ableben bei Mrs. Lovett als Laufbursche unterkommt und letztlich, als er entsetzt erkennt, was im Haus in der Fleet Street vor sich geht, Sweeney Todd umbringt.

Bezeichnend für die Beziehungen der Personen untereinander ist, dass kaum echte Kommunikation stattfindet. Alle verfolgen eigene Ziele und sind blind für die Wünsche und Bedürfnisse der anderen. Dies bedingt die recht freudlose Stimmung, die sich gekonnt im Bühnenbild widerspiegelt. Eine dunkle, schmucklose Häuserfront mit verschiedenen Eingängen und kleinen Balkonen stellt die Londoner Fleet Street dar. Zur Bühne für Pirelli wird eine große, herunterklappbare Lade, eine Treppe führt hinauf zu Todds Barbiersalon, der je nach szenischer Anforderung mit Schiebetüren geschlossen werden kann.

Durch diese zweite bespielbare Ebene werden Parallelszenen möglich, die teils mit unterschiedlicher Handlung und Musik zeitgleich ablaufen, teils mit eingefrorenen Szenen aufwarten. Unten entfaltet Mrs. Lovetts Pastetenladen nach dem anfangs ärmlichen, fast verlotterten Ambiente im zweiten Akt seine neue Pracht. Deutlich prachtvoller als im ersten Teil ist dann auch ihr Kleid, das mit rotem Mieder aus den gedeckten Farben der übrigen Kostüme hervorsticht. Bemerkenswert sind die roten Unterkleider von Mrs. Lovett und der alten Bettlerin (Sabine Schwarzlose), die sich später als Todds Frau entpuppt. Auf den ersten Blick enthüllen sich diese genauso wenig wie die wahren Absichten der Charaktere. Die Ausstattung (Steven Koop) schafft einen hervorragenden Rahmen für die Handlung, auch die Lichtregie (David Horn) ist ein wichtiges Element. Bei jedem Mord wechselt das Licht von Bläulich-weiß auf Rot. So wird ohne auch nur einen Tropfen (Theater-)Blut zu vergießen die Blutrünstigkeit der Story effektvoll ins Szene gesetzt.

sweeneytodd06Sweeney Todd ist ein nahezu durchkomponiertes Werk, das vor allem wegen Sondheims komplexer Melodien vom Publikum volle Konzentration erfordert. Musik und Handlung sind zudem untrennbar verknüpft. Jeder Song bringt das Geschehen voran, kein Lied findet nur um seiner selbst willen statt. Die Musik ist nicht sofort eingängig, aber höchst beeindruckend. Oft gibt es innerhalb eines Liedes Tonart- und Tempowechsel, die unter der bewährten Musikalischen Leitung von Jürgen Voigt vom Orchester perfekt umgesetzt werden. An melodiöse Passagen schließen sich fast übergangslos dissonante Sequenzen. Vor allem Keyboard und Schlagzeug setzen prägnante Staccato-Akzente, die die Handlung zusätzlich vorantreiben.

Musik und Handlung von „Sweeney Todd" erfahren bei der Ettlinger Inszenierung mit grandiosen Stimmen und ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen die perfekte Symbiose. Und da das Ganze im regenerprobten London spielt, sollte nicht einmal ein eventuelles Sommergewitter den Theatergenuss trüben.

Text: Sylke Wohlschiess

 

Diese Inhalte auf MusicalSpot.de könnten Sie auch interessieren:

Rezension "My fair Lady" in Pforzheim, mit Jon Goldsworthy als Professor Higgins, Februar 2015
Rezension "Dracula" in Pforzheim, mit Jon Goldsworthy als Van Helsing, Januar 2013

... und hier noch einige Szenenfotos aus "Sweeney Todd":

sweeneytodd01

sweeneytodd03

sweeneytodd08

sweeneytodd07

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Datenschutz Ok