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Rezension „Lotte“ in Wetzlar

„Kann ich denn nicht beide lieben? Wenn sie mir nur beide blieben“ klagt Lotte kurz vor dem tragischen Ende der Dreiecksbeziehung zwischen ihr, Albert und Werther. Durch ihre Unentschlossenheit lädt Lotte Schuld auf sich - und das im Vergleich zur Romanvorlage veränderte Ende des Musicals „Lotte“ kann im Hinblick darauf schlüssig interpretiert werden.

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Im Musical wechselt zudem die Erzählperspektive von Werther zu Lotte. Ansonsten halten sich Marian Lux (Musik), Kevin Schroeder (Libretto) und Christoph Drewitz (Mitentwicklung und Regie) eng an Johann Wolfgang von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, der im Jahre 1774 in seiner Erstfassung erschien und nicht nur als einer der wichtigsten Romane des Sturm und Drang, sondern als eines der bedeutendsten Werke der Literaturgeschichte gilt.

Goethe projiziert seine Gefühle in den fiktiven Protagonisten Werther und entwickelt die Handlung in enger Anlehnung an seine tatsächliche Lebenssituation. Während seiner Wetzlarer Zeit verliebt Goethe sich in Charlotte Buff, die jedoch bereits mit Johann Christian Kestner verlobt ist. Zwischen den Dreien entstehen freundschaftliche Bande. Doch Goethe erkennt, dass Charlotte als Frau für ihn unerreichbar bleibt und verlässt Wetzlar. Mit Werthers Selbstmord verarbeitet Goethe den tatsächlichen Suizid eines engen Freundes, Charlotte und ihrem Verlobten setzt er als Lotte und Albert in „Die Leiden des jungen Werther“ ein literarisches Denkmal.

Kein Ort könnte als Spielstätte für das Musical „Lotte“ besser geeignet sein, als der Lottehof in Wetzlar. Nicht nur in der gleichen Stadt, sondern direkt am Originalschauplatz erwecken die Kreativen und Darsteller die hochdramatische Liebesgeschichte zum Leben. Das damalige Wohnhaus der Charlotte Buff, heute ein Museum, wird für „Lotte“ zum Teil des Bühnenbildes.

Ein hölzernes Podest dient als Tanzboden beim Dorffest und als Bühne für die durchreisende Schauspielertruppe, die im zweiten Akt Werthers Ende vorwegnimmt. Dahinter stehen auf dem leicht ansteigenden Gelände Bäume, die eine perfekte natürliche Waldkulisse abgeben. Dort führt Werther mit Lotte tiefsinnige Gespräche und geht mit Albert auf die Jagd. Eine Rasenfläche schließt sich links an, dort spielen Lottes Geschwister, dort trifft sie sich mit Werther. Mauern grenzen das Areal zur Straße hin ab – ein prima Platz für Werther, um die braven Bürger mit rotzfrechen Sprüchen (und Taten) zu provozieren.

lotte 01Wie Miriam Reinhardt und Raphael Schumann jeden Quadratmeter des historischen Areals als Musicalkulisse nutzen, ist wahrhaft eine Meisterleistung. Sogar das Orchester sitzt hinter liebevoll mit Obst, Gemüse und Blumen dekorierten „Marktständen“. Die Band unter Musikalischer Leitung von Martin N. Spahr setzt Marian Lux‘ vielseitige Kompositionen mit sprühender Energie um.

Die musikalische Palette ist groß: Von „Willkommen in Wetzlar“, dem schmissigen Opener mit französischem Einschlag, über das wunderbar melodiöse „Irgendwo“ bis hin zu voluminösen Duetten und Terzetten. Trefflich gelungen ist auch die Verzahnung von Inhalt und Musik. Bei Werthers markigen Sprüchen oder Lottes zornigen Ausbrüchen werden die Anschläge der Instrumente hörbar härter, bei den Balladen schmeicheln sich die Streichinstrumente geradezu ins Ohr. Mit Greg Dinunzis Orchestrierung fügen sich auch die kindlichen Stimmen von Lottes Geschwistern in das musikalische Gesamtwerk.

Karen Helbing, Ekaterini Tsapanidou und Tobias Weis lassen ihre Stimmen wie die aufgeregter Kinder klingen, schildern mit weit aufgerissenen Augen, dass „Lenchen gefallen ist“ und zerren mit dem Ruf „Was gibt’s zu essen“ an den Röcken der großen Schwester. Aber wenn der schleifchenbesetzte Haarreif abgesetzt und die Mütze mit einem Schal vertauscht wird, stehen da statt Lenchen, Erna und Fritzchen plötzlich Karoline, Hanna und Lottes Vater. Weis, Helbing und Tsapanidou wechseln von einer Sekunde zur anderen in Stimmführung, Gestik und Mimik von Rolle zu Rolle und ersetzen mühelos ein ganzes Ensemble. Regisseur Christoph Drewitz erweckt durch exakte Führung und nahtlose szenische Anbindungen mit nur sechs Darstellern den Eindruck eines ständigen Kommens und Gehens.

lotte 03In Mittelpunkt des ganzen Trubels steht Anne Hoth als Lotte zwischen den häuslichen Pflichten der großen Schwester und dem Wunsch nach vergnüglicher Zerstreuung, zwischen ihrem bodenständigen Verlobten und dem schillernden Werther. Anne Hoth arbeitet beide Aspekte sowohl darstellerisch als auch stimmlich aufs Beste heraus. In „Bist Du da?“, einer Zwiesprache mit ihrer früh verstorbenen Mutter, klingt sie anfangs verhalten, schildert die Ereignisse des Tages. Dann lässt Hoth mit ausdrucksstarker Mimik und druckvoller Stimme Lottes Sehnsucht nach der Mutter erkennen. Ruhig und sanft klingt sie bei „Irgendwo“, wunderbar genervt bei „So ein blöder Kerl“. Dass sie sich eigentlich von diesem blöden Werther geradezu magisch angezogen fühlt, kann sie nicht einmal vor sich selbst zugeben. Als Werther mit ihren Geschwistern nur mittels einer Tischdecke und Besteck aus einem Picknick eine Abenteuerreise macht, bleibt Lotte zunächst in der Position der vernünftigen Erwachsenen, lässt sich aber vom Spiel mitreißen und gibt den „Draco Lottus Gigantus“. Anne Hoth vermittelt Lottes innere Kämpfe glaubhaft bis in die kleinsten Nuancen. Ihr Hin- und Hergerissensein zwischen den beiden Extremen, für das jeweils einer der beiden Männer steht, wird nachvollziehbar.

Lottes Verlobter Albert ist der Halt in ihrem Leben. Ein wenig langweilig, aber verlässlich, das Leben mit ihm wird wenig Aufregung, dafür aber stets Sicherheit und Frieden bieten. David Wehles Interpretation dieser gefestigten Persönlichkeit strahlt große Ruhe aus und wirkt ausgesprochen authentisch. Mit zurückhaltenden Gesten und aufrechter Körperhaltung schreitet er durch die Szenerie und singt mit klangschönem hohen Bariton ein sehr eindringliches „Glauben“. Dass sich seine Emotionen durchaus auch heftig ihre Bahn brechen können, beweist er, als Lotte ihre Nacht mit Werther gesteht und im sich zuspitzenden Konflikt Alberts geordnete Welt plötzlich aus den Fugen gerät. Jetzt ist ihm die Liebe zu Lotte trotz allem wichtiger und er deckt ihre Tat.

arno 01Wie stimmig Kevin Schroeders Texte die Vielschichtigkeit der Charaktere definieren, zeigt sich besonders an der Person des Werther. Derbe Sprüche, wenn er als Bürgerschreck mit heruntergelassenen Hosen das Dorffest aufmischt, aber wunderbar poetische Worte bei seinen tiefschürfenden Gesprächen mit Lotte.

Mit Oliver Arno ist diese Schlüsselfigur des Sturm und Drang hervorragend besetzt. Arno versteht sich darauf, die Abgründe von Werthers Seele bis ins Kleinste auszuloten, er spielt Werthers Verliebtheit, seine zunehmende Überdrehtheit und teils schon ins Wahnsinnige abdriftende Verzweiflung mit spürbarer Hingabe, vermeidet aber jegliches Zuviel und beweist damit großes schauspielerisches Können. In „Mehr zu sein“, dem zentralen Titel des Musicals, geht Oliver Arno auch gesanglich durch Werthers sämtliche Emotionen, wechselt von leise und eindringlich gesungenen Passagen bis in strahlende Höhen. Eine der wohl schönsten Metaphern macht das Lied auch textlich zu etwas ganz Besonderem. Über das Kind, das nach der Keksdose greift und „selig seinen Stern vernascht“ formuliert Werther seine tief empfundenen Sehnsucht nach „mehr von jedem Stern der Welt“.

Da möchte man sich anschließen mit dem Wunsch nach mehr Musiktheater von dieser künstlerischen Qualität und diesem inhaltlichen Anspruch. Fünf Sterne.

Text: Sylke Wohlschiess

 

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