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Auf ins Gefecht:
Rezension "The Pirate Queen" in Leinfelden

Eine Frau an Bord, noch dazu als Kapitän? Die Mannen des irischen O’Malley Clans sind alles andere als erbaut. Auch Lord Bingham berichtet fassungslos an die englische Queen: "Der Führer dieser Anarchie ist eine Sie". So einig sich Freund und Feind in ihrer Aversion gegen selbstständige, kämpferische Frauen sind, so unbeirrbar geht Grace O’Malley ihren Weg. Durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit überwindet sie alle Vorurteile und führt ihr Volk aus der Umklammerung der englischen Besatzungsmacht.

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Mutig ist definitiv auch die Entscheidung für "The Pirate Queen" als diesjährige Open-Air-Produktion im Theater unter den Kuppeln. Das Musical von Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto) ist wenig bekannt. Nach der Deutschlandpremiere 2016 am Theater Nordhausen zeigt die renommierte Amateurbühne in Leinfelden-Echterdingen im Sommer 2017 die zweite deutschsprachige Produktion. Bei der Uraufführung am Broadway im April 2007 konnte "The Pirate Queen" weder Kritiker noch Publikum begeistern, trotz des durch "Les Misérables" und "Miss Saigon" weltweit bekannten Autorenteams.

Dabei ist die Geschichte anspruchsvoll, spannend und beruht zudem auf historischen Fakten, die Morgan Llywelyn in ihrem Roman "Grania, She-King Of The Irish Sea" schildert: Grace O’Malley, in irischer Sprache Gráinne Ní Mháille, lebte Mitte des 16. Jahrhunderts in Irland. Höchst ungewöhnlich für die damalige Zeit wurde sie aufgrund ihrer zahlreichen Erfolge bei Seeschlachten und Eroberungen tatsächlich zur Anführerin des O’Malley Clans, erstritt eine Audienz bei Königin Elisabeth I. von England und konnte mit ihr eine politische Einigung erzielen, die für die Iren bessere Lebensbedingungen schuf.

the pirate queen 21Dass eine Buchvorlage für die Bühne gekürzt und geändert wird, ist unumgänglich. Schade nur, dass im Musical vor allem die beiden männlichen Hauptpersonen sehr klischeehaft gegenübergestellt werden. Da ist zunächst Donal O’Flaherty: überheblich, intrigant und feige noch dazu. Um die Clans zu einen und gegen die englischen Besatzer eine Chance zu haben, muss Grace ihn gegen ihren Willen heiraten. Tiernan, ihre große Liebe, steht edel zurück und weiterhin Grace in allen Lebenslagen zur Seite, sei es im Kampf, sei es bei der Taufe des gemeinsamen Sohnes von Donal und Grace.

Dem Regieteam aus Angelika Ambacher, Michael und Stefanie Hartusch bleibt nur wenig Spielraum, um die Charaktere zu entwickeln. Folgerichtig konzentriert man sich darauf, diese in ihren Grundeigenschaften klar abzubilden. Dies gelingt – auch aufgrund der durchweg überzeugenden schauspielerischen Leistungen der Hauptakteure.

David Kovacs hat ganz offensichtlich einen Heidenspaß daran, die Rolle des Donal O’Flaherty möglichst authentisch auszufüllen. Tanz- und trinkfreudig, in jedem Arm ein Mädel - klar muss man die Jungesellenparty bis zuletzt auskosten - und immer einen machomäßigen Spruch auf den Lippen.

Dass er wirklich starken Charakteren wie Grace oder auch seinem Vater nichts entgegenzusetzen hat, wird durch Kovacs feines Mienenspiel ebenso deutlich, wie die fiese Wesensart, mit der er sich Vorteile sichert und dabei auch vor Verrat nicht zurückschreckt. Mit einschmeichelnder Stimme erfleht er sich bei "Lasst einen Vater zu seinem Sohn" Zugang zum Tauffest, um so den Engländern Tür und Tor zu öffnen.

the pirate queen 42In Lord Richard Bingham findet er einen Kumpan von ebenso zweifelhaftem Charakter. Christian Fickert gefällt als vordergründig unterwürfiger Berater der Queen, der seinen Platz weniger im abgelegenen Irland, als vielmehr an der Seite der Königin sieht, am besten als ihr Gemahl. Mit militärischen Erfolgen hofft er, Elisabeth I. für sich einzunehmen. Da er an Grace scheitert, muss der Sieg eben durch List und Tücke erschlichen werden. Da kommt ihm der bestechliche Donal gerade recht.

Donals Gegenpart – Tiernan – wird von einem herausragenden Matthias Tränkle dargestellt, dessen stimmliche und schauspielerische Leistung kaum von der eines professionellen Darstellers zu unterscheiden ist. Nicht nur, dass er über eine besonders schöne Stimmfarbe verfügt. Tränkle weiß seinen Bariton auch perfekt einzusetzen, überzeugt mit fließender Stimmführung und sehr natürlichen, lockeren Tönen, die er bis zum letzten langen Schlusston sicher hält.

Tiernans durch nichts zu erschütternde Liebe zu Grace vermittelt Matthias Tränkle mit ausdrucksstarker Mimik, die er bei "Ich bleib‘ hier" mit hilflosen Gesten zusätzlich unterstreicht. Diese eingängige Soloballade und das Duett "Seit heute Nacht" setzen emotional und gesanglich die Glanzpunkte der Inszenierung.

the pirate queen 45Katharina Nicolaus in der Titelrolle sprüht vor Energie. Wie Tiernan richtig erkennt: "Sie ist die geborene Anführerin". Die ungestüme, leidenschaftliche Grace O’Malley nimmt man Katharina Nicolaus vom ersten bis zum letzten Moment hundertprozentig ab. Mit lässiger Eleganz schwingt sie den Degen, mit angeborener Autorität begegnet sie nicht nur ihren eigenen Leuten, sondern auch der englischen Königin. Keine Sekunde lässt sie Donal darüber im Ungewissen, was sie tatsächlich von ihm hält – ihre verächtlichen Blicke und wütenden Gesten sprechen Bände. Während anfangs ihr Sopran noch etwas angestrengt und dadurch recht hart klingt, singt sich Katharina Nicolaus im Verlauf des Stücks zunehmend frei und meistert die umfangreiche, anspruchsvolle Hauptrolle aufs Beste.

Eine auffallend klare Intonation und ein unverkennbar geübter Umgang mit ihrer Stimme zeichnen Marleen Reimanns Darbietung als Königin Elisabeth I. von England aus. Jeder Ton sitzt perfekt, jedes Wort ist bis in die hinterste Reihe klar verständlich. Hinzu kommen bis in die Fingerspitzen wahrlich königliche Handbewegungen, ein majestätisch-herablassender Blick und eine über jede Kritik erhabene Selbstverständlichkeit, mit der sich alles dem Kommando der Queen zu beugen hat.

Dass diese Arroganz Teil des Selbstschutzes einer Frau ist, die sich in einer männerdominierten Welt auf dem Königsthron behaupten muss, spielt Marleen Reimann eindrucksvoll heraus. Bei "Ich hatte nichts" gewährt sie einen ersten Blick in ihr Inneres und in "Von Frau zu Frau" nimmt sie die "Piratenkönigin" als ihr ebenbürtige Anführerin mit hinter die Fassade, die als Schattenwand visualisiert wird, auf der die Umrisse der miteinander diskutierenden Frauen zu sehen sind. In beiden Szenen verbinden sich die Stimmen von Marleen Reimann und Katharina Nicolaus zu Duetten von enormer Dynamik und großer Nachdrücklichkeit.

the pirate queen 41Marleen Reimann gehört außerdem zum Team um Irmgard Kühnle-Lange, das für die fantastischen Kostüme verantwortlich zeichnet. Die schwarz-roten Militäruniformen der englischen Soldaten, die weißen Hemden und in gedeckten Farben gehaltenen Hosen und Röcke der Iren und vor allem die grandiosen Roben und komplizierten Perücken der Queen wirken ausgesprochen stimmig.

Das gilt auch für die von den unterschiedlichen Richtungen des irischen Folkloretanzes geprägte Choreographie von Nina Oelmann und Sara Crouch Rymer. Zwar werden nicht alle Schritte exakt und synchron gesetzt, aber angesichts der ansteckenden Begeisterung aller Tänzer wird dies zur Nebensächlichkeit. Man befindet sich immer noch in einem Amateurtheater, nicht bei "Riverdance".

Bedingt durch die Rollenstruktur ist "The Pirate Queen" für ein Laienensemble keine einfache Aufgabe. Viele Rollen haben kleinere Soloparts, die dann doch zeigen, dass nicht alle Castmitglieder den anspruchsvollen Titeln vollkommen gewachsen sind. Es fehlt an Stimmfülle, der eine oder andere falsche Ton schleicht sich deutlich hörbar ein und auch ein durchschlagender schwäbischer Akzent bringt unfreiwilligen Witz in eigentlich hochdramatische Szenen. In den Ensemblenummern dagegen verbinden sich die Stimmen der über 70 Mitwirkenden zu großartiger Klangfülle.

Mit sicherer Hand dirigiert das Regieteam die große Schar über die Drehbühne, die schnelle Szenenwechsel zwischen England und Irland ermöglicht. Schade, dass die übrigen Möglichkeiten des Theaters nicht genutzt werden. Auch die Seilbahn, eine kleiner seitlicher Steg und eine zweite Ebene hätten sicher noch gut in den Gesamtablauf integriert werden können und so für mehr Abwechslung gesorgt. Das Bühnenbild ist ausgesprochen karg, auch die Beleuchtung, die einige Male die Hauptpersonen ziemlich im Dunkel stehen lässt, wäre noch optimierbar.

the pirate queen 50Was jedoch mit allen Kritikpunkten versöhnt, ist das höchst professionelle Orchester, das unter Musikalischer Leitung von Peter Pfeiffer die anspruchsvolle Mixtur aus Musicalballaden und irischer Folkolore perfekt zu Gehör bringt. Solche Klangfülle wünscht man sich an vielen anderen Theatern inzwischen vergeblich.

Es gehört viel Mut dazu, sich als Laie vor hunderten von Zuschauern auf eine Bühne zu stellen. Jedem einzelnen gebührt Respekt und Anerkennung für die erbrachte Leistung: Alexander Koch und Dieter Wolf, die mit achtunggebietender Haltung und höchst würdevoller Ausstrahlung die beiden Clanführer Dubhdara O’Malley und Hugh O’Flaherty spielen. Irmgard Kühnle-Lange, die als Grace' Amme Evleen die diffizile Aufgabe meistert, a cappella keltische Weisen zu singen, oder Franziska Brenner als Grace' Freundin Majella, von deren hübscher Stimme man gerne noch den einen oder anderen Solopart gehört hätte.

Über 70 engagierte Menschen auf und hinter der Bühne arbeiten monatelang in ihrer Freizeit, um den Besuchern im Theater unter den Kuppeln ein schönes Theatererlebnis zu moderaten Preisen in wunderbarem Ambiente zu bieten. Danke, wir finden das großartig.


Text: Sylke Wohlschiess

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