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Interview mit Benjamin Oeser:
15 Minuten bis zur Entscheidung

19.09.2018 - Hoch hinauf geht’s aktuell am Theater St. Gallen: Die dramatischen Ereignisse rund um die Erstbesteigung werden im Musical „Matterhorn“ erzählt. Wir haben einen der Bergsteiger getroffen. Mit Benjamin Oeser sprachen wir nicht nur ausführlich über seine Rolle als draufgängerischer Bergführer Antoine Carrel, sondern auch über seinen Weg ins Musicalbusiness, große Fische und schnelle Entscheidungen.

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Sie spielen im Musical „Matterhorn“ Antoine Carrel, einen Bergsteiger, der als einer der ersten Menschen einen der höchsten Berge der Alpen bezwungen hat. Wie sieht’s denn mit Ihrer Bergerfahrung aus?

Oh Gott. Ich war mal in den Alpen zum Wandern und einmal mit einer Jugendgruppe in Tschechien, im Riesengebirge. Damals sind wir auf die Schneekoppe gestiegen, also immerhin auf 1.600 Meter (grinst). Aber eigentlich bin ich lieber am Meer, wo’s schön warm ist. Vielleicht sind für mich die Berge eher alltäglich, weil ich im Erzgebirge aufgewachsen bin. Als Mittelgebirge ist diese Landschaft natürlich nicht mit den Hochalpen vergleichbar, aber Berge gibt es schon, der Fichtelberg ist mit ca. 1.200 Metern der höchste. Wintersport ist in der Gegend sehr angesagt. In meiner Schule wurden im Winter Ski- und Snowboardkurse angeboten, sogar Skispringen konnte man lernen. Ich war aber eher ein Schisser und habe mich für Rodeln entschieden. Was mich aber wirklich reizen würde, ist eine Fahrt nach Zermatt. Vom Tal führt ein Sessellift aufs Hörnli. Von dort soll man einen fantastischen Blick auf das Matterhorn haben. Das würde mir völlig reichen, selber raufklettern muss ich da nicht (grinst).

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Antoine Carrel klettert hinauf – und scheitert.

Eigentlich scheitert er gar nicht. Antoine ist mit seiner italienischen Seilschaft nur wenige hundert Höhenmeter unter dem Gipfel, als sie sehen, dass der Engländer Edward Whymper mit seinen Leuten schon oben ist. Obwohl sie selber also den Gipfel fast erreicht hatten, entscheidet Antoine sich für den Abstieg. Das Musical beruht auf den tatsächlichen Ereignissen, die sich rund um die dramatische Erstbesteigung des Matterhorns abgespielt haben. Bei der Vorbereitung auf meine Rolle habe ich versucht, die Gründe herauszufinden, warum Antoine Carrel nicht vollends aufgestiegen ist. Sicher, der Allererste wäre er nicht gewesen, aber immerhin der erste von der italienischen Seite aus, denn Whymper war ja von der Schweizer Seite gestartet. Aber es ist natürlich schwierig, über die Gedanken des echten Antoine Carrel zu spekulieren.

Wie wird Antoine Carrel im Musical charakterisiert?

Er wird sehr dominant dargestellt, als ein Frauenheld, der sich für unwiderstehlich und unbesiegbar hält. Er ist ein Opportunist, ein übler Typ, der andere wie Dreck behandelt und nur auf seinen Profit aus ist. Carrel hat den Aufstieg aufs Matterhorn auch schon ein paar Mal vergeblich versucht, aber er ist kein Getriebener, wie Whymper, der wie aus einem inneren Zwang heraus um jeden Preis auf diesen Berg will. Carrel ist eher gechillt. Und skrupellos. Statt wie versprochen Whymper als Bergführer zu begleiten, lässt er ihn hängen und nimmt das bessere Angebot von Felice Giordano an. Dieser ist von der italienischen Regierung beauftragt, die unbedingt einen Italiener als Ersten auf dem Berg sehen will und dafür viel Geld springen lässt. Auch die Aussicht, als neuer Volksheld gefeiert zu werden, gefällt Carrel. Er will gerne als toller Hecht im Mittelpunkt stehen. Dafür nimmt er das Risiko auf sich. Als Whymper dann vor ihm das bislang Unmögliche schafft, ist Carrel so in seinem Stolz gekränkt, dass er absteigt.

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In welchem Maße wird das Musical dem realen Menschen gerecht?

Theater lebt von Reibungen und Spannungen. Antoine Carrel sollte als großer Antagonist zu Edward Whymper für diese Reibung sorgen. Aber Whymper kollidiert nicht nur mit Carrel. Er steht auch mit Olivias Vater auf Kriegsfuß und eckt im Alpine Club an, weil er weder ein Adliger noch ein reicher Geschäftsmann ist, sondern ein armer Schlucker mit einem aussterbenden Beruf. Die Fotografie war bereits erfunden, Zeichner wie Edward Whymper wurden nicht mehr gebraucht. Auch der Dorfpfarrer war nicht gut auf ihn zu sprechen.

Um das alles auf zweieinhalb Stunden komprimieren zu können, musste zwangsläufig gekürzt werden. Ich kann mir vorstellen, dass dies dem Kreativteam nicht leicht gefallen ist. Es ist ein bisschen schade, dass diesen Streichungen auch mein zweites Solo zum Opfer fiel, denn in diesem Lied wurden Antoines Gefühle angesichts seiner Niederlage geschildert. Da wurde klar, dass der nach außen hin so starke Kerl tief in seinem Inneren nur geliebt und respektiert werden wollte.

Ist die Beziehung zwischen Whymper und Carrel im Stück auch anders als in der Realität?

Meiner Meinung nach betrachtet Edward Antoine als seinen Freund. Aber Antoine sieht das lockerer. Mit seiner ganzen „komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen“-Einstellung hält er Edward ein bisschen hin. Er vergnügt sich lieber mit seinen Liebschaften und will von Edward erstmal einen Vorschuss, um die Ausrüstung besorgen zu können. Sie werden im Musical vor allem als Kontrahenten positioniert. Die Versöhnung nach den schrecklichen Ereignissen wird nur mit einem kurzen Handschlag im Epilog angedeutet. In Wirklichkeit waren Edward Whymper und Antoine Carrel befreundet. Einige Zeit nach der Tragödie am Matterhorn sind beide sogar zusammen nach Südamerika gereist und haben dort gemeinsam einige Erstbesteigungen geschafft. Antoine Carrel ist übrigens später am Matterhorn umgekommen.

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Wirklich?

Ja, viele Jahre nach der Erstbesteigung. Er war mit einer Gruppe von Leuten am Berg unterwegs, als das Wetter umschlug. Sie mussten tagelang in einer Hütte ausharren, ohne Wasser und Verpflegung. Es hatte geschneit, der Weg ins Tal war versperrt. Antoine Carrel war der einzige, der sich auskannte. Irgendwann haben sie den Abstieg gewagt und Carrel gelang es, die Gruppe ins Tal zu bringen. Die Leute haben überlebt. Aber er ist an Erschöpfung gestorben.

Das ist ziemlich unheimlich.

Stimmt. Fast so etwas wie Ironie des Schicksals. Faszinierend und gespenstisch zugleich. Ich finde es bewundernswert, dass Carrel sein Leben für andere geopfert hat. Er ist gestorben, aber dadurch konnte er sie retten. Das zeigt mir, dass der Mensch Antoine Carrel nicht so war, wie er im Musical dargestellt wird.

Muss man sich anders auf eine Rolle vorbereiten, wenn man eine Person spielt, die tatsächlich existiert hat?

Für mich macht das keinen großen Unterschied. Ich habe einiges über Antoine Carrel gelesen und Fotos angeschaut. Videoaufnahmen gibt es ja aus dieser Zeit noch nicht, das gibt mir Freiraum, weil keiner weiß, wie seine Stimme klang, wie er gesprochen hat. Auf das andere Extrem treffe ich in der Rolle eines fiktiven Charakters: Wenn ich als Pumuckl auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters in München stehe, weiß jeder im Publikum, wie dieser rothaarige Kobold spricht und lacht, wie er sich bewegt. Da ist der Spielraum wesentlich kleiner.

Bei der Erarbeitung meines Parts bei „Matterhorn“ konnte ich mir relativ entspannt meinen eigenen Weg suchen. Antoine Carrel ist die erste große Rolle, bei der ich mal nicht den netten Typen von nebenan spiele, sondern den Mistkerl. Ich find’s klasse. Wenn man den Bösen spielt, hat man oft viele Freiheiten. Man ist an keine Konventionen gebunden, Regeln gelten nicht mehr. Das ist toll (grinst).

„Matterhorn“ ist eine Uraufführung. Ist dadurch der Spielraum noch größer?

Ja. Aber das lag vor allem daran, dass der Regisseur uns sehr viel Freiraum gelassen hat. Shekhar Kapur ist ein sehr erfahrener und erfolgreicher Filmregisseur, aber ein Bühnenmusical hat er noch nie vorher inszeniert. Er ging das Ganze sehr reduziert, sehr „filmisch“ an. Das war eine große Chance aber zugleich auch eine echte Herausforderung. Beim Film hat man die Kamera. Man kann einen Schnitt machen, in die Totale oder Halbtotale gehen, man kann ganz anders Spannung erzeugen, als auf einer Bühne. Auf der Bühne kann man nichts herausschneiden. Beim Musical muss man zudem noch drei Komponenten – Gesang, Schauspiel und Tanz – zu einer homogenen Einheit verbinden.

Weil ich schon so viel Theater gespielt habe, weiß ich glaube ich ganz gut, was bühnenwirksam ist und was weniger, insofern kam ich mit dieser Art des Arbeitens sehr gut zurecht. Shekhar hat die Angebote angenommen, die wir Darsteller ihm gemacht haben und hat nie versucht, uns etwas überzustülpen. Ich habe selten eine so entspannte und zugleich produktive Probenzeit erlebt. Wenn es an der einen oder anderen Stelle mit der Erarbeitung der Rolle mal hakte, durften wir ihn immer persönlich ansprechen. Dann wurde gemeinsam nach Lösungswegen gesucht. Shekhars Kritik war immer konstruktiv und motivierend, er war immer offen für Gespräche und hat uns viel von seiner immensen Lebensweisheit mitgegeben.

Ist etwas von dieser Lebensweisheit auch im Musical zu finden?

Ja, das glaube ich schon. Das Musical „Matterhorn“ möchte natürlich gut unterhalten, aber zugleich hat es auch eine Botschaft. Wenn man bei den Liedern nicht nur auf die Melodie, sondern auch auf den Text achtet, wird das vor allem bei Orka deutlich. Orka ist der Berggeist, eine Art Göttin des Berges. Sie sagt, ihr Berg soll in seiner Schönheit von der Gier der Menschen unberührt bleiben und sie warnt vor Unheil, falls ihr Gebot missachtet wird.

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Da gibt es klare Parallelen zu unserer heutigen Realität. Wir müssen die Natur schützen. „Warum seid ihr so, wie ihr seid?“ fragt Orka – und das fragt man sich auch heute angesichts der vielen Umweltkatastrophen. Die Natur, wie ich sie noch als Kind erlebt habe, gibt es so schon jetzt mehr. Damals hatten wir noch richtig schneereiche Winter, heute haben wir die globale Erwärmung. Die Uhr steht auf 5 vor 12, wenn wir sie jetzt nicht stoppen, werden die Probleme immer größer. Es stellt sich ja auch die Frage, ob man wirklich alles erfahren und erforschen muss. Das Matterhorn ist eine unwirtliche Gegend mit rauem Klima. Viel Wind, Regen, Schnee und Eis, weit oben gibt es keine Vegetation mehr und es leben dort kaum noch Tiere. Wenn man dann noch bedenkt, dass es in jeder Saison bis zu zehn Todesfälle am Matterhorn gibt, seit der Erstbesteigung insgesamt über 500, dann fragt man sich schon, was die Menschen dort hinauf treibt.

Was könnte der Grund sein?

Ganz ehrlich, das frage ich mich auch. Speziell am Matterhorn klettert der Tod ja immer mit, es gilt als einer der gefährlichsten Berge der Welt. Trotzdem gibt es Tage, an denen über 100 Bergsteiger dort herumklettern. Vielleicht brauchen einige von denen einfach diesen Adrenalinkick, das Wissen, dass man mit einem falschen Schritt in den Tod stürzen kann. Für mich wäre das nichts. Man geht immer höher, dort oben gibt es nichts, es ist anstrengend und gefährlich. Manche wollen sich vermutlich auch einfach selbst beweisen, dass man das Unmögliche möglich machen kann. Einige lassen sich von diesem Massentourismus am Berg verleiten, gehen ohne Bergführer los und überschätzen sich total. Wenn man die richtigen Wege nicht kennt und womöglich noch ungeübt und schlecht vorbereitet ist, kann es relativ schnell passieren, dass man abstürzt. Und dann kann man sich eben nirgends mehr festhalten, sondern prallt in einer Geschwindigkeit gegen die Felsen oder in Gletscherspalten, dass der Körper regelrecht zerstückelt wird. Manche wurden auch nie wieder gefunden. Das ist krass.

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In Ihrer Heimat gibt es solche Bergunglücke nicht, oder?

Nein, nicht in dieser Form. Aber im Erzgebirge kommt es vor, dass Häuser und ganze Straßenzüge einstürzen. Früher wurde ja überall in der Region nach Erz gegraben. Heute kennt man einige Stollen gar nicht mehr, weil die Baupläne, sofern es überhaupt welche gab, nicht mehr erhalten sind. Die Gegend ist unterhöhlt wie ein Schweizer Käse. Das ist auch heute noch eine große Gefahr. Obwohl man nur um die sechs Meter pro Jahr vorankam, gab es kaum Alternativen für die Menschen, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sogar Kinder hat man schon zum Arbeiten in die Bergwerke geschickt. Das muss schrecklich gewesen sein. Damals konnte man nicht einfach so weggehen und woanders leben.

Heute geht das glücklicherweise, sonst wäre es für Sie auch schwierig geworden.

Das stimmt. Das Erzgebirge ist nicht gerade die Hochburg des Musicals (lacht).

Bevor Sie zum Musical kamen, haben Sie zuerst eine Schauspielausbildung absolviert.

Das ist richtig. Mein Vater hat damals in München gearbeitet, ich lebte noch in meiner Heimatstadt und ging zur Schule. Aber das Abitur schien mir nicht besonders reizvoll. Ich wollte auf die Bühne. Ich war noch sehr jung. Erst 17. Den Unterschied zwischen staatlichen und privaten Schulen kannte ich noch nicht. Die Schauspielschule in Regensburg lag an der Strecke nach München, also habe ich mich einfach mal dort beworben und wurde sofort angenommen.

Als mir nach einiger Zeit die Unterschiede bewusst wurden, habe ich schon überlegt, auf eine staatliche Schule zu wechseln. Aber mir fehlte nur noch ein Jahr bis zum Abschluss. Also bin ich geblieben und habe die Ausbildung zu Ende gebracht. Im Nachhinein betrachtet, war ich damals einfach noch zu jung. Wenn man eine Schauspielausbildung anfängt, sollte man schon ein bisschen mehr Lebenserfahrung als Background haben. Und wer hat das schon mit 17? Viele der anderen hatten schon studiert oder eine Ausbildung, die waren viel erfahrener als ich.

Aber Sie sind trotzdem gut klargekommen?

Ja. Ich merkte schnell, dass ich mich für den richtigen Beruf entschieden hatte und freute mich über die ersten Erfolge. Am Landestheater Oberpfalz, einer semiprofessionellen Bühne, habe ich während der Studienzeit meine ersten Theaterrollen gespielt. Dabei war immerhin die Uraufführung von „Der verborgene Schatz“, das ist ein Theaterstück von Paul Maar, der das „Sams“ erdacht hat.

Wie ging es dann weiter zum Musical?

Lustigerweise war meine allererste große Rolle gleich in einem Musical. „Footloose“. Ein Tanzmusical. Ausgerechnet. Ich bin überhaupt kein Tänzer, aber spielte Ren MacCormack in „Footloose“. Und es lief ganz gut. Ich habe immer schon viel Musik gemacht und als Kind sogar im Kirchenchor gesungen. Musical ist cool, dachte ich, und überlegte, mich an einer Musicalschule zu bewerben. Beim Blick auf die Aufnahmekriterien allerdings war ich dann nicht mehr so zuversichtlich. Es wurde unheimlich viel verlangt: perfektes Klavierspiel, perfekte Notenkenntnisse, man musste nicht nur tanzen, sondern sich auch drei Choreographien selbst ausdenken, einen klassischen Monolog vortragen und natürlich singen. Drei, vier Lieder. Das Singen wäre ja nicht das Problem gewesen, aber insgesamt dachte ich, dass ich das nie im Leben schaffe. Dann hat das Landestheater Oberpfalz mir ein festes Engagement angeboten.

Noch während der Zeit in Regensburg?

Ja. Der Intendant war Lehrer an unserer Schule, dadurch kam der Kontakt zustande. Ich habe ein Jahr lang dort gespielt und parallel die Schule zu Ende gebracht. In dieser Zeit wurde unsere Schule von einer privaten Schauspielschule zur Fachakademie. Wir waren der erste Jahrgang, der staatlich geprüft wurde und einen staatlichen Abschluss bekommen hat. Aber im Endeffekt bringt es nichts, wenn ein Abschluss nur auf dem Papier gut aussieht, aber du nicht gut bist. Private Schulen müssen finanziert werden, also werden auch Bewerber akzeptiert, die woanders wenig Chancen gehabt hätten. Nur: Diese Leute bekommen dann eben keine Jobs. Aber bei uns im Jahrgang waren auch begabte Leute dabei und diese arbeiten heute auch regelmäßig als Schauspieler. Deshalb kann man nicht pauschal behaupten, dass Absolventen privater Schulen schlechter sind.

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Hatten Sie selbst mit diesem Vorurteil zu kämpfen?

Anfangs ja. Nach dem Abschluss wollte ich den nächsten Schritt gehen und habe mich an größeren Häusern beworben. Ich habe sehr viele Bewerbungsschreiben abgeschickt und nur sehr wenig Feedback bekommen. Viele sortieren Absolventen von Privatschulen sofort aus, ohne sich die Unterlagen wirklich anzusehen. Das geschieht oftmals auch einfach aus Zeitmangel. Staatliche Schulen müssen einen gewissen Standard aufweisen, für die Theater ist das eine Art Qualitätsnachweis. Wenn man bedenkt, dass sich im deutschsprachigen Raum jedes Jahr ca. 250 staatliche und über 500 private Absolventen auf gerade mal 50 Vakanzen bewerben, kann man sich ja ausrechnen, wie viele ein Engagement bekommen. Sich aus der Menge abzuheben, ist wahnsinnig schwierig.

Aber Ihnen ist das offensichtlich geglückt.

Am Theater Annaberg-Buchholz war man interessiert. Das ist ein kleines renommiertes Haus mit interessantem Programm, aber ich wollte noch nicht wieder zurück in meine Heimat, sondern erst einmal andere Gegenden und Städte kennenlernen. Dann kam die Zusage der Uckermärkischen Bühnen Schwedt, direkt an der polnischen Grenze in der Nähe von Berlin. Dort hatte ich mich ganz gezielt beworben, weil dort mit einem Ensemble sowohl die Schauspiel- als auch die Musicalsparte abgedeckt wurde. Es wurden gezielt Schauspieler gesucht, die auch singen können bzw. Musicalleute, die auch gut spielen können. Ich dachte, da könnte ich eigentlich ganz gute Chancen haben. So war es auch.

An den Uckermärkischen Bühnen Schwedt spielte ich zwei Jahre lang, auch sehr viele Musicalrollen. In dieser Zeit lernte ich auch meinen Musicalagenten kennen, mit dem ich heute noch arbeite. Er hat mir damals von einem neuen Masterstudiengang in München erzählt.

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An der August-Everding-Theaterakademie?

Genau. Eigentlich war eine weitere Ausbildung gar nicht geplant, sondern ich war auf der Suche nach einem Agenten, der mich speziell im Musicalbereich vermitteln konnte. Aber dann fand ich die Idee gar nicht schlecht. Außerdem, was hatte ich schon zu verlieren? Mein Engagement war gerade erst verlängert worden, falls es nicht geklappt hätte, wäre ich einfach noch in Schwedt geblieben.

Aber es hat geklappt?

Ja, das hat es. Obwohl ich noch mit Schrecken an die Aufnahmekriterien dachte, von denen ich damals gelesen hatte. Aber es kam ganz anders: Ich wurde gefragt, was ich singen möchte. „Gethsemane“ habe ich geantwortet. Ehrlich gesagt, war das schon ein bisschen… gewagt. Die Studienleiterin hat sogar nochmal nachgefragt. Es wäre nicht nötig, sich zu stressen. Ich fühlte mich aber überhaupt nicht gestresst.

Und dann?

Dann habe ich als zweiten Song „Bring Him Home“ aus „Les Misérables“ gesungen.

Oh.

Genau. Das sagten die in der Prüfungskommission auch (lacht). Dann wurde noch eine Uptempo-Nummer mit Choreographie verlangt und ich wählte „I Can’t Stand Still“ aus „Footloose“. Zuletzt war noch ein Monolog dran. Dann musste ich warten.

Hat es lange gedauert, bis die Entscheidung klar war?

15 Minuten.

So schnell?

Ich war auch überrascht, aber ja, so schnell. Zum Glück hat das Theater in Schwedt mich aus dem Vertrag entlassen. So nahm alles seinen Lauf. Und jetzt erlebte ich selbst den Unterschied: Die Studenten an der August Everding Hochschule stehen sehr viel mehr im Fokus, man bekommt unheimlich viel Aufmerksamkeit.

Andreas Gergen, der ja zu den renommiertesten Musicalregisseuren im deutschsprachigen Raum zählt, inszenierte unsere Abschlussproduktion, die Europäische Erstaufführung von „Big Fish“, in der ich die Hauptrolle des Edward Bloom spielte. Der Part war vor allem durch den Wechsel der Zeitebenen sehr anspruchsvoll, da kam mir meine Schauspielerfahrung zugute. Und wenn jemand wie Andreas sagt, dass er dich wieder dabei haben will…

… dann kann's so schlecht nicht gewesen sein. Es gibt also eine Wiederaufnahme von „Big Fish“, bei der Sie wieder Edward Bloom spielen?

Ja, ab Januar 2019 im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Andreas inszeniert wieder und Theresa (Anm. der Redaktion: Theresa Christdahl, vormals Weber) spielt auch wieder Edward Blooms Frau Sandra. Ab Oktober spiele ich außerdem parallel zu meinem Engagement bei „Matterhorn“ wieder am Münchner Gärtnerplatztheater...

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...bei „Pumuckl“?

Genau. Das „Pumuckl“-Musical entstand nach dem Kinderbuch von Ellis Kaut. Franz Wittenbrink komponierte die Musik, die Texte stammen von Anne X. Weber. Das ist zwar ein Stück für Kinder, aber ich glaube, die Erwachsenen im Publikum haben genau so viel Spaß.

Ist es ein Unterschied, ob man für Kinder oder für Erwachsene spielt?

Ich habe schon viel Kindertheater gemacht und finde, dass es auf jeden Fall anders ist. Man muss viel freier und zugleich sehr fokussiert agieren und sich vielleicht noch mehr auf die Rolle und die kleinen Besucher einlassen. Der Pumuckl ist ja auch ein Luftikus, der permanent durch die Gegend tobt, das erfordert viel körperlichen Energieaufwand. Außerdem ist die Rolle fast ausschließlich im Falsett geschrieben, man könnte sie beinahe schon als Countertenor-Part bezeichnen. Jeder weiß, wie Pumuckl klingt. Ich muss also so singen und sprechen, dass der Wiedererkennungswert gewahrt bleibt, ich mir die Stimme aber nicht ruiniere. Das ist eine riesige Herausforderung. Ich freue mich, dass Josef (Anm. der Redaktion: Josef E. Köpplinger, Staatsintendant am Gärtnerplatztheater München) sich nach meinem Gewinn des MUT-Theaterpreises im Juni 2017 für mich als einen seiner Pumuckl-Darsteller entschieden hat. Christian Schleinzer übernimmt die eine Hälfte der Termine, ich die andere. Für eine Stimme wären es wirklich zu viele Shows.

Stehen noch weitere Projekte an, vielleicht auch im Filmbereich?

Für Filmprojekte bleibt mir momentan gar keine Zeit. Es stimmt, ich habe schon Erfahrungen in dem Bereich gesammelt, aber ich sehe mich da eher weniger. Mir ist die Bühne lieber. Ich liebe die Herausforderung, jeden Abend zu spielen. Die Show ist immer gleich und doch jedes Mal anders. Ich bin jeden Tag anders drauf, das Publikum ebenso. Auf diese täglichen Unterschiede einzugehen und in unterschiedlichsten Bühnenproduktionen immer wieder von neuem meine bestmögliche Leistung abzuliefern, das motiviert mich. Und das ist für mich mit das Schönste an meinem Beruf.

Interview: Sylke Wohlschiess

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